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O-Ringe unter Druck: Spaltextrusion vermeiden

Hohe Betriebsdrücke beanspruchen O-Ringe stark und können sie in den Dichtspalt pressen. So wirken Shorehärte und Dichtspalt zusammen, so vermeiden Sie Spaltextrusion und legen druckbelastete O-Ringe richtig aus.

Luke Williams
Luke Williams
Herr der O-Ringe·NH O-RING Akademie
Aktualisiert Juni 20266 Min. Lesezeit
O-Ring mit Schadensbild Spaltextrusion
Das Wichtigste in Kürze
  • Die Dichtwirkung entsteht durch die elastische Verformung des Querschnitts im Einbauraum.
  • Hoher Druck bewegt den O-Ring gegen die druckabgewandte Nutflanke und kann ihn in den Dichtspalt pressen.
  • Härtere O-Ringe widerstehen dem Spalt besser, passen sich feinen Unebenheiten aber schlechter an.
  • Spaltextrusion entsteht, wenn die Nutkante Material in dünnen Schichten vom O-Ring abschert.
  • Abhilfe schaffen höhere Shorehärte, größere Schnurstärke, Stützringe und ein enger Dichtspalt.
Zuletzt aktualisiert am 22. Juni 2026 · Autor: Luke Williams, „Herr der O-Ringe"

O-Ringe unter Druck: so wirkt die Dichtung

Die Dichtwirkung eines O-Rings entsteht erst durch die elastische Verformung seines Querschnitts im Einbauraum. Ein Mindestmaß an Verpressung zwischen den Bauteiloberflächen ist notwendig, damit der O-Ring überhaupt abdichtet. Der dafür nötige Druck geht zum einen von den abzudichtenden Maschinenelementen aus, zum anderen vom druckbeaufschlagten Medium.

Denken Sie an eine Flanschdichtung: Der Monteur legt das Dichtungselement mit kreisförmigem Querschnitt in die Nut des Gehäuses ein. Beim Verschrauben der Deckplatte entsteht ein Druck, der den Querschnitt des O-Rings verformt. Die Verformung erfolgt hier in axialer Richtung zwischen Nutgrund und Dichtfläche. Der Querschnitt ist nun nicht mehr rund, sondern oval, und das Dichtungselement verschließt Unebenheiten in den Dichtflächen.

Bei einer radialen Abdichtung, also einer klassischen Kolben- oder Stangendichtung, ergibt sich ein radiales Spaltmaß zwischen innerem und äußerem Maschinenteil. Dieses Maß wird in der Dichtungstechnik als Dichtspalt bezeichnet. Es ist besonders entscheidend, wenn zwei Räume mit verschiedenen Druckniveaus abgedichtet werden, denn der höhere Druck bewegt den O-Ring gegen die druckabgewandte Seite der Nut.

Das muss sich nicht negativ auswirken. Innerhalb gewisser Grenzen kann die zusätzliche Flächenpressung die Dichtleistung sogar unterstützen. Besonders hohe Drücke werden jedoch zur Belastung: Sie pressen den O-Ring in den Dichtspalt und verursachen mechanische Schäden. Hohe Temperaturen und abrupte Druckstöße verstärken diesen Effekt.

Shorehärte: wie leicht sich der O-Ring verformt

Die Härte des O-Rings sagt aus, wie leicht er sich unter Druck verformen lässt. Wird er zwischen Dichtfläche und Einbaunut verpresst, passt er sich den Bauteilkonturen an und dichtet auch feine Kratzer oder andere Fehler in den Oberflächen ab. Je geringer die Härte des O-Rings ist, desto weniger Druck wird für die notwendige Verpressung benötigt.

Bei O-Ringen kommen zwei Verfahren für die Härtemessung zum Einsatz: Shorehärte und IRHD. Beide Methoden beruhen darauf, dass ein definierter Prüfkörper mit einem bestimmten Gewicht auf die Materialprobe einwirkt. Über die Eindringtiefe ergibt sich die Härte nach Shore oder IRHD. Beide Verfahren nutzen Skalen von 0 bis 100, wobei der Wert 100 bedeutet, dass der Prüfkörper überhaupt nicht in die Probe eingedrungen ist.

Die Shorehärte des Werkstoffes ist eine zentrale Angabe im technischen Datenblatt und oft ein entscheidendes Kriterium bei der Werkstoffauswahl. Entscheidend für die Praxis: Auf den Datenblättern findet sich in der Regel die an Materialproben ermittelte Shorehärte. Abweichungen zwischen der Härte einer Normprobe und der Härte des Endprodukts O-Ring lassen sich nicht vermeiden, denn die geometrischen Unterschiede zwischen Probe und Fertigteil sind zu groß. Die Verfahren sind zudem anfällig für Messfehler.

Bei Systemdruck die richtige Härte wählen

Entgegen verbreiteter Annahmen ist ein härterer O-Ring nicht automatisch besser als ein weniger harter. Wahr ist, dass härtere O-Ringe sich unter Druckeinwirkung weniger leicht verformen. Das hat Vorteile für die Haltbarkeit der Dichtung. Härtere O-Ringe passen sich dadurch aber auch weniger gut den feinsten Unebenheiten in den Dichtungsflächen an. Das richtige Maß für die Härte ergibt sich also immer aus der Gesamtheit der Betriebsbedingungen und der Gestaltung aller Bauteile des Dichtungssystems.

Die Shorehärte ist aber nicht allein verantwortlich für den Verformungswiderstand. Daneben spielt der Druckverformungsrest eine wichtige Rolle. O-Ringe nehmen unter Druckbelastung nicht nur eine elastische, sondern auch eine plastische Verformung an. Diese sollte möglichst gering ausfallen, damit sich der O-Ring über lange Zeit wechselnden Betriebsbedingungen anpassen kann. Je geringer der Druckverformungsrest, desto weniger bleibende Verformung behält ein O-Ring nach seiner Entlastung zurück.

Auslegungssache: der Dichtungsspalt

Zuerst die gängigen Richtwerte für die Gestaltung von Nuttiefe und Schnurdurchmesser: Wie stark die druckbedingte Verformung des O-Rings in der Einbaulage ausfällt, gibt die Verpressung an. Dabei handelt es sich um den prozentualen Anteil des Schnurdurchmessers, um den der Querschnitt zusammengepresst wird. Übliche Verpressungen für den statischen Einsatz bewegen sich zwischen 15 und 30 Prozent.

O-Ring Nutmaße: Einbauraum nach Schnurstärke

Empfohlene Nutbreite (NB) und Nuttiefe (NT) je Schnurstärke, getrennt nach Abdichtungsart und statischem oder dynamischem Einsatz. Alle Maße in Millimeter, Richtwerte für die Auslegung.

Schnurstärke
mm
FlanschdichtungKolbendichtungStangendichtung
statischstatischdynamischstatischdynamisch
NBNTNBNTNBNTNBNTNBNT
1,001,900,701,580,701,580,851,580,701,580,85
1,502,801,102,191,052,191,272,191,052,191,27
1,783,201,302,531,302,531,502,531,302,531,50
2,003,401,502,781,502,781,652,781,502,781,65
2,503,901,903,371,903,372,123,371,903,372,12
2,624,002,003,512,003,512,223,512,003,512,22
3,004,602,303,982,303,982,553,982,303,982,55
3,535,302,704,672,704,672,954,672,704,672,95
4,006,003,105,233,105,233,305,233,105,233,30
4,506,503,505,903,505,903,805,903,505,903,80
5,007,403,906,483,906,484,306,483,906,484,30
5,337,604,206,864,206,864,606,864,206,864,60
5,507,604,407,054,407,054,807,054,407,054,80
6,008,004,807,594,807,595,207,594,807,595,20
7,008,705,708,685,808,686,008,685,808,686,00
8,009,806,709,886,809,887,009,886,809,887,00
9,0011,207,6011,147,7011,147,9011,147,7011,147,90
10,0012,208,6012,388,6012,388,8012,388,6012,388,80

NB Nutbreite · NT Nuttiefe · alle Werte in mm. Richtwerte zur Nutauslegung, maßgeblich sind Werkstoff, Toleranzen und Betriebsbedingungen. Maße prüfen mit unserer O-Ring Nutberechnung.

Dichtspalt an einer Flanschdichtung im Schnitt
Der Dichtspalt liegt zwischen den beiden Dichtflächen. Mit steigendem Druck wird er enger ausgelegt, bei Bedarf sichern Stützringe den O-Ring.

Die Breite der Nut sollte so ausgelegt sein, dass das Medium von der druckbelasteten Seite gleichmäßig eindringen kann. Ein häufig angesetzter Richtwert: Die rechteckige Querschnittsfläche der Nut sollte etwa das 1,25-fache der runden Querschnittsfläche des O-Rings betragen.

Der Mediendruck presst den O-Ring nicht nur gegen die Flanke der Nut, sondern auch an den Dichtspalt zwischen den Bauteilen. Dieser ergibt sich aus dem Durchmesserspiel zwischen den beiden abzudichtenden Bauteilen. Wirkt der Druck eine ausreichend hohe Kraft auf die Dichtung aus, kann der O-Ring in diesen Spalt hineingepresst werden. Ein größerer Dichtspalt begünstigt diesen Vorgang, vor allem bei radialen Abdichtungen.

O-Ringe mit geringerer Shorehärte lassen sich bereits mit geringerem Druck in den Dichtspalt pressen. Das kann zu einer bleibenden Verformung der Elastomerdichtung und damit zu ihrem Versagen führen. Dabei ergibt sich das Schadensbild der Spaltextrusion: Die Nutkante schert das Material in dünnen Schichten vom O-Ring ab. Solche mechanischen Schädigungen stellen noch vor Alterung und Medienangriff die häufigste Ursachenkategorie für das Versagen einer O-Ring-Dichtung dar. Mehr dazu lesen Sie im Beitrag zur Spaltextrusion bei O-Ringen.

Handlungsoptionen bei stark druckbelasteten O-Ringen

Bei Druckanwendungen ist die direkteste Lösung in der Regel keine Option: Der Systemdruck kann gewöhnlich nicht reduziert werden, um den Anforderungen der Abdichtung Rechnung zu tragen. Stattdessen sind Optimierungen am Dichtungssystem gefragt, und zwar zuerst beim Werkstoff.

Bei Anwendungen mit hoher Druckbelastung sollte der Konstrukteur O-Ringe mit höherer Shorehärte vorsehen. Mit den verbreiteten Basiselastomeren wie FKM oder NBR lassen sich durch die Wahl unterschiedlicher Compounds Shorehärten im üblichen Bereich von 70 bis 90 Shore A erzeugen. Wenig geeignet für Druckanwendungen sind Silikone wie VMQ oder FVMQ. Hier sollte der Dichtspalt besonders gering gewählt werden.

Polyurethanwerkstoffe halten einem hohen Systemdruck deutlich besser Stand. Sie haben einen sehr geringen Druckverformungsrest und nehmen nach der Entlastung ihre ursprüngliche Form zu einem hohen Maß wieder an. O-Ringe mit höherer Schnurstärke haben mehr Reserven und behalten so auch bei Spaltextrusion länger ihre Dichtwirkung. Zusätzlich können Gewebearmierungen oder extrusionsfeste Stützringe die Haltbarkeit der Dichtung steigern. Welche Werte beim Querschnitt und der Shorehärte sinnvoll sind, hängt vom konkreten Einbauraum ab.

Höhere Shorehärte
O-Ringe von 70 bis 90 Shore A verformen sich weniger und werden seltener in den Spalt gepresst.
Größere Schnurstärke
Mehr Querschnittsreserve hält die Dichtwirkung auch bei beginnender Spaltextrusion länger aufrecht.
Stützringe
Extrusionsfeste Stützringe und Gewebearmierungen sichern die druckabgewandte Nutflanke.
Enger Dichtspalt
Geringe Fertigungstoleranzen und genaue Bauteilführung verkleinern das Durchmesserspiel.

Fazit zu druckbelasteten O-Ringen

Erst nachdem die Werkstoffauswahl ausgereizt ist, sollten konstruktive Maßnahmen folgen. Allgemeine Tabellen geben Anhaltspunkte zur Gestaltung des Dichtspalts in Abhängigkeit vom O-Ring. Für einen O-Ring mit einer Schnurstärke zwischen 2 und 3 Millimetern bei einer Druckbelastung bis 70 bar gelten zum Beispiel folgende Grenzwerte:

ShorehärteSchnurstärkeDruckbelastungMaximaler Dichtspalt
70 Shore A2 bis 3 mmbis 70 bar0,08 mm
90 Shore A2 bis 3 mmbis 70 bar0,15 mm

Ein härterer O-Ring verträgt also bei gleicher Druckbelastung einen größeren Spalt. Durch die Fertigung der Bauteile mit möglichst geringen Toleranzen lässt sich der Dichtspalt verkleinern, die Anforderungen an die Wirtschaftlichkeit begrenzen diesen Ansatz jedoch. Einbaunuten werden auf rotationssymmetrischen Bauteilen mit einem Drehmeißel eingestochen, bei Flanschdeckeln kommt ein Nutfräser zum Einsatz. Die Präzision dieser Verfahren zu verbessern oder das Ergebnis durch Schleifen zu steigern, treibt die Fertigungskosten in die Höhe.

Genauso wichtig ist, wie genau die beiden Bauteile im Einbauzustand zueinander positioniert sind. Führungen können die Exzentrizität der Werkstücke wirksam begrenzen. Die konstruktive und fertigungstechnische Optimierung der Nutgestaltung hat ihre Grenzen, denn enge Toleranzen und hohe Oberflächengüten sind ein erheblicher Kostenfaktor. Um den Aufwand für eine leistungsfähige Abdichtung wirtschaftlich zu halten, müssen auch die übrigen Komponenten des Dichtungssystems auf die Druckanwendung hin optimiert werden. Die Grundlagen zur Nutgestaltung finden Sie im Beitrag zu O-Ring-Nuten, die konkrete Auslegung übernimmt unsere O-Ring-Nutberechnung.

Häufige Fragen

Was ist Spaltextrusion bei O-Ringen?
Spaltextrusion ist ein mechanisches Schadensbild: Hoher Druck presst den O-Ring gegen die druckabgewandte Nutflanke und in den Dichtspalt zwischen den Bauteilen. Die Nutkante schert dabei Material in dünnen Schichten vom O-Ring ab. Solche mechanischen Schädigungen sind noch vor Alterung und Medienangriff die häufigste Ursache für das Versagen einer O-Ring-Dichtung.
Welche Shorehärte für Druckanwendungen?
Bei hoher Druckbelastung sind härtere O-Ringe sinnvoll, üblich sind 70 bis 90 Shore A. Härtere O-Ringe verformen sich unter Druck weniger und werden seltener in den Spalt gepresst. Sie passen sich feinen Unebenheiten in den Dichtflächen aber schlechter an. Das richtige Maß ergibt sich immer aus der Gesamtheit der Betriebsbedingungen.
Wie groß darf der Dichtspalt sein?
Das hängt von Härte, Schnurstärke und Druck ab. Für einen O-Ring mit 2 bis 3 mm Schnurstärke und einer Belastung bis 70 bar gilt bei 70 Shore A ein maximaler Dichtspalt von 0,08 mm, bei 90 Shore A von 0,15 mm. Ein härterer O-Ring verträgt bei gleicher Belastung also einen größeren Spalt.
Was hilft gegen Spaltextrusion?
Zuerst die Werkstoffauswahl: höhere Shorehärte, geringer Druckverformungsrest und größere Schnurstärke. Polyurethanwerkstoffe halten hohem Systemdruck besonders gut stand. Erst danach folgen konstruktive Maßnahmen wie ein enger Dichtspalt durch geringe Fertigungstoleranzen, genaue Bauteilführung sowie extrusionsfeste Stützringe oder Gewebearmierungen.
Warum ist ein härterer O-Ring nicht automatisch besser?
Härtere O-Ringe widerstehen dem Druck und der Spaltextrusion besser, passen sich aber feinsten Unebenheiten in den Dichtflächen weniger gut an. Neben der Shorehärte ist auch der Druckverformungsrest entscheidend: Er sollte gering sein, damit der O-Ring nach der Entlastung möglichst wenig bleibende Verformung behält.
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Herr der O-Ringe · NH O-RING Akademie
„Ich bin überzeugt, dass wir unser Wissen teilen sollten. Ich hoffe, dieser Beitrag beantwortet Ihre Fragen zu O-Ringen unter Druck. Wenn nicht, melden Sie sich jederzeit bei uns, wir helfen gerne weiter."
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